Am Sonntag, 27. Mai 2001, 19.30 Uhr lud die "Junge Welt" im Kato (Kreuzberg) zu einer Veranstaltung mit dem Titel "Dem Polizeistaat entgegentreten". Auf das Podium geladen waren:
Der erste Teil der Veranstaltung galt einer Bewertung des Polizeieinsatzes am 1. Mai 2001 in Berlin. Nach seiner Einschätzung gefragt, wusste Rechtsanwalt Ratzmann auf einen entsprechenden Bericht des Berliner Tagesspiegel vom Wochenende zu verweisen , wonach Einkesselung von über 180 Personen am Mariannenplatz ohne Rechtsrundlage stattgefunden habe. Dies sei der Polizeiführung auch bewusst gewesen. In der Gesa (Gefangenensammelstelle) sollen sich BeamtInnen geweigert haben, die Gewahrsamnahme aufrechtzuerhalten. Ratzmann sah in diesem Einsatz den gezielten Versuch der Aufweichung tatbestandlicher Voraussetzungen für Gewahrsamnahmen. Dies stelle eine neue Qualität dar. Ein gezieltes Vorgehen am Mariannenplatz sei schon deshalb anzunehmen, da erwiesen sei, dass Störer am Heinrichplatz gezielt an den Mariannenplatz geschickt wurden und gleichzeitig mobile Toiletten und Decken dort bereit gehalten worden seien, um den jüngsten Anforderungen nach der Rechtsprechung des KG Berlin zu entsprechen, wie mit in Gewahrsam genommenen Personen zu verfahren sei.
Auf die Frage, welche Möglichkeiten für den einzelnen Beamten bestünden, gegen rechtswidrige Anordnungen vorzugehen, verwies der Vertreter der Kritischen PolizistInnen darauf, dass noch nie in der Vergangenheit Kritik an der Führungsebene von BeamtInnen so offen geäußert worden sei. Die Einflussmöglichkeiten in der konkreten Einsatzsituation hingegen seien jedoch beschränkt.
Aus Sicht der Anti-Repressrionsarbeit ergänzte Rote-Hilfe-Vertreter Henselmann um den bekannten Befund, dass PolizistInnen bei Übergriffen oft unbehelligt blieben, die Opfer sich hingegen bei Strafanzeigen gegen BeamtInnen regelmäßig mit Gegenanzeigen konfrontiert sähen. Das Regelschema zeige auch, dass Verfahren gegen Demoteilnehmer schnell durchgezogen würden, wohingegen die Verfahren gegen PolizistInnen über Jahre verschleppt würden.
Nach Einschätzung von Over/Zillich sei Werthebachs Linie in der Koalition nicht unumstritten. Darüber hinaus habe es bereits im Vorfeld massive Kritik aus Medien und Polizeikreisen gegeben.
Zillich sah zumindest derzeit keinen Erfolg für den Versuch der Verschärfung des VersG im Bundestag. Er verwies auf ein entsprechendes Hearing im Bundestag, wo die Thesen Werthebachs, der als Fachmann in Fragen des Versammlungsgesetzes geladen war, keine breite Zustimmung fanden. Jedoch sei mit dem ausgesprochenen Demonstrationsverbot das erste Mal offiziell die "Deeskalationsstrategie" bewusst über Bord geworfen worden. Der Polizeieinsatz sei somit von vornherein vorgegeben gewesen. Die Ereignisse am Mariannenplatz stellten dann nur noch die logische Konsequenz dar.
Im zweiten Teil wurde versucht, eine Strategie für das Vorgehen für die Zukunft zu entwickeln. Nach Einschätzung der Diskussionsleitung berge die eingeschlagene Polizeistrategie die Gefahr eines "Abnutzungseffektes" in sich, sollte es gelingen, die Demo auch in der Zukunft zu isolieren. Die gestellte Frage, welche Inhalte die Revolutionäre 1. Mai Demonstration in Zukunft transportieren solle, wurde vom anwesenden Publikum brüsk zurückgewiesen. Die Inhalte sei Sache der Anmelder. Darüber hinaus hätte das Podium zur Diskussion dieser Frage mit einem Vertreter der AnmelderInnen besetzt sein müssen.
Aber auch RA Ratzmann teilte die Auffassung, politische Inhalte seien in der Vergangenheit zurückgetreten. Es sei deshalb jetzt an der Zeit, Bündnisse zu schließen, nicht zuletzt im Hinblick auf die Verteidigung der Versammlungsfreiheit.
Auch Freke Over hielt für die Zukunft eine breitere Einbindung politischer Gruppen für wünschenswert. Eine inhaltliche Reduzierung zum Demonstrieren um des Demonstrierens willen griffe allerdings zu kurz. In diesem Zusammenhang kritisierte Over im Namen der PDS, Mitveranstalter des Mariannenplatzfestes, dass sich die Polizei nicht an zuvor getroffene Absprachen gehalten habe.
Die anschließende Diskussion litt wie viele derartiger Diskussionen daran, dass viele RednerInnenbeiträge die Institution "Polizei" als solche ablehnten. Zwar wird diese Position vielfach vertreten und hat ihren festen Platz in der politischen Auseinandersetzung. Es zeigte sich jedoch wieder einmal, dass diese Position realitätsfern und damit kaum geeignet ist, einen Beitrag zur Beantwortung der Frage zu leisten, wie dem Polizeistaat wirksam entgegengetreten werden könne. Weitere Beiträge befassten sich mit möglichen Protestformen für die Zukunft. Schließlich wurde noch einmal die Forderung nach einer breiteren Einbindung weiterer politischer Gruppen aufgegriffen. Nur breite Bündnisse könnten ein Garant für den Erfolg im Kampf gegen die Ausweitung polizeilicher Eingriffsbefugnisse sein. Neben dieser Grundforderung sei ein gemeinsames Eintreten für die individuelle Kennzeichnung von PolizeibeamtInnen denkbar und wünschenswert.